Bin ich queer oder was?

Schon seit längerem ist die Diskussion um den Begriff queer im Gange, doch gerade jetzt schlägt das Thema hohe Wellen. Früher nannte ich mich schwul, und das war gut so. Heute gibt es eine weitaus größere Vielfalt an Worten, die sexuelle Identitäten beschreiben können – Non-Binaries sprechen von sich selber gar im Plural. Aber finden die Generationen sprachlich noch zusammen? Ich mache mir darüber Gedanken – aus einer spezifisch schwulen Perspektive.

Ein Schlüsselbegriff in der Szene zur Beschreibung einer devianten Identität ist seit langem der Ausdruck queer.

Früher war queer ein Schimpfwort, vor allem im britischen Sprachraum. Mittlerweile sind ja sehr viele unterschiedliche Aspekte im Spiel, z.b die queer theory. Es ließe sich zum Beispiel die Entwicklung und das sprachliche Selbstverständnis verschiedener Subkulturen seit den Achtziger Jahren beleuchten.

Als Bezeichnung für eine gesellschaftliche Minderheit trifft er gut zu – doch als Wort, das mein Lebensgefühl beschreiben soll, ist queer … slightly untauglich.

Regenbogenfahne
Photo by Delia Giandeini on Unsplash

Nun liefert Sprache zwar die Grundlagen für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Anderen, doch soll die Sache in meinen Ohren doch auch organisch klingen! Auch schwul ist nicht perfekt, aber es ist ein Wort, bei dem die Emotion des Stolzes im Spiel ist. Das Gefühl, am Rand der Gesellschaft zu stehen, unsittlich zu sein, wurde dennoch legitimiert durch die Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Minderheit. Die ersten Christopher Street Days in meinem Leben waren erhebende beglückende Momente – ich war nicht allein, war Teil einer Menschenmenge, die sich stolz und fröhlich auf den Straßen zeigte. Lange Zeit trug ich einen Button, auf dem das Wort schwul stand. Mit einem Button, auf dem queer steht, käme ich mir aber inzwischen seltsam vor. Queer erscheint für mich mittlerweile wie ein ausgehöhlter inhaltsleerer Begriff.

Früher waren wir Urninge, Sodomiten oder Invertierte

Dabei war queer als Schimpfwort für deviante Subjekte eine schöne Sache gewesen. In David Bowies Song Five Years übergibt sich ein Queer, als er sieht, wie ein Polizist niederkniet und die Füße eines Priesters küsst (schließlich steht fiktionsintern der Weltuntergang vor der Tür).

Lange vorher – schon im 18. Jahrhundert – schlug Karl Heinrich Ulrichs, der Vorreiter der Schwulenbewegung, einen eigenen Begriff vor, der sich vom klinisch-medizinischen Ausdruck homosexuell absetzen sollte. Wäre es nach Ulrichs gegangen, hätten wir Urninge geheißen. Der Ausdruck hatte sich nicht eingebürgert – doch blieb im historischen Gedächtnis unserer Subkultur – schließlich tanzte ich als junger Mann enthusiastisch in der monatlichen Tanzveranstaltung im Kulturzentrum KOMM, und der Schuppen hieß immerhin Urningskeller.

Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse gab es zur Jahrhundertwende neue Termini – plötzlich waren wir Invertierte. Kurz zuvor war es des Weiteren in England zu dem Skandal gekommen, der Oscar Wilde ins Verhängnis stürzte – ein Adliger hatte den Autor als Sodomit bezeichnet.

Am anderen Ufer, vom 17. Mai

Im 20. Jahrhundert gab es den Ausdruck einer vom 17. Mai als Umschreibung für Schwule. Ursprung dieser Bezeichnung war der § 175, der Homosexualität unter Strafe stellte – und erst 1994 abgeschafft wurde. Eigentlich hätte ich es nett gefunden, zu sagen, ich bin einer vom 17. Mai. Verstanden hätten es die Richtigen und auch die Aufgeklärten. Ähnlich lag der Fall bei der Umschreibung einer vom anderen Ufer .

Diese Verschlüsselung war auch im Berlin der Siebziger Jahre aufgegriffen worden für die berühmte Bar Anderes Ufer, in der auch David Bowie Stammgast war.

Aber es bleibt doch eine Art von Geheimsprache. Und damit verbunden wäre auch die (nicht immer vorhandene) Informationsbereitschaft der Eingeweihten – hätte man zum Beispiel früher kleinen Kindern erzählt, was einer vom 17. Mai bedeutet? Was antwortet man heute, wenn ein Kind fragt, was schwul bedeutet? Das Sprachvermögen geht also gelegentlich auch mit Willkür einher.

Die Frage ist nur, ob stattdessen klare Begriffe mit eindeutigen Aussagen wirklich zu bevorzugen sind, zumal es gar nicht so einfach ist, eine Bezeichnung zu finden, die sämtliche Aspekte der Identität mit einschließt.

Auch Mythen wie die Entführung des Ganymed durch Zeus können sinnstiftend sein bei Coming Out und Identitätsfindung
Photo by Alessandro De Bellis on Unsplash

Fröhliche Leute

Was wäre für mich schöner? Ist es nicht problematisch, sich nur über Ausdrücke zu definieren, die eine negative Konnotation haben, zum Beispiel Begriffe, die früher Schimpfworte waren. Im Englischen ist die Fröhlichkeit vorrangig – Mann ist gay!

Nach dem Sommer der Liebe und den Ereignissen um den Widerstand der New Yorker Tunten gegen eine Polizeirazzia in der Bar Stonewall Inn im jahr 1969 begann die soziale Bewegung der Gays. Gay wurde zum Inbegriff für eine neue Richtung – weg vom wissenschaftlich klingenden Wort homosexual, hin zu Lebensfreude und sprühender Energie.

Tom Robinson sang 1976 die Hymne der Schwulen Glad To Be Gay – auch als Angriff gegen die grassierende Homophobie der Polizei und das in England bestehende Gesetz Sexual Offences Act 1967, welches homosexuelle Beziehungen zwischen Männern unter 21 Jahren unter Strafe stellte.

A Kind of Magic

Es ist auffällig, wie die Begriffsvielfalt auch wie eine eigene kleine Dokumentation der verschiedenen Zeithorizonte erscheint. Vielleicht wäre das auch ein Ansatz, um neue Worte zu finden und der Neuen Negativität unserer Zeit etwas entgegenzusetzen.

Schließlich geht es, wie Christiane Rochefort einst schrieb in Frühling für Anfänger, bei der Erfahrung schwuler Sexualität um nichts anderes als eine Explosion der Zärtlichkeit.

Als Strategie, um der Homophobie zu begegnen, müssen wir Worte finden, die uns dienen zu self-empowerment, die aber auch unseren Kritikern signalisieren, wir wollen Polen oder Russland nicht bedrohen mit schwuler Propaganda oder LGBT-Ideologie…

Mein Vorschlag für den nächsten Schritt wäre ein Wort, welches das Besondere, aber auch das Magische der wiedergewonnenen Identität anklingen lässt:

Lasst uns Zauberflocken sein!

Daniel Aldridge

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