Schwules Radio – Now and Then

Überlegungen zur gesellschaftspolitischen Relevanz des Mediums Radio

Das erste schwule Radiomagazin in der BRD war der Fliederfunk. Im Jahre 1988 wurde die erste Sendung ausgestrahlt auf Radio Z, einem Nürnberger Sender, der zu den Freien Radiosendern gehört. Mittlerweile wurde die Sendung umbenannt in Radio Gays, die es auch heute noch gibt. Hätte man sich nicht für den neuen Namen entschieden, wäre der Fliederfunk heute das älteste existierende schwule Radiomagazin in Deutschland. Durch die Namensänderung wird dieser Ruhm jedoch statt dessen der Schwulen Welle von Radio Dreyeckland zu Teil.

Beim Fliederfunk habe auch ich meine allerersten Radioerfahrungen gesammelt, allerdings kam ich erst etwas später dazu. Somit gehörte ich dort quasi zur zweiten Generation. Von Anfang 1991 bis August 1993 war ich Mitglied der Redaktion, schrieb erste Beiträge und las diese vor, übte mich in die Rundfunktechnik ein und moderierte einzelne Sendungen. 1994 dann nahm ich nach einem längeren Aufenthalt in San Francisco noch an einigen Sendungen teil, bevor ich endgültig nach Berlin zog, wo ich mich zunächst anderen Kunstformen widmete.

Hier im Bild: Fliederfunk-Moderator Hardy (rechts) – im Einsatz auf dem Christopher Street Day 1991 in Berlin

Meine Spezialität war die Kultur im weitesten Sinne. Vor allem präsentierte ich Rezensionen von Büchern, Theaterstücken, Cabaret-Veranstaltungen und Filmen, dazu kam eine kleine Serie mit quasi kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zur Homosexualität von Fernseh-Figuren. Der Höhepunkt meines kreativen Outputs war sicherlich die zweieinhalbstündige Hommage an Klaus Nomi zu seinem zehnten Todestag im August 1993.

Meine Beiträge für den Fliederfunk hatten sich gut eingefügt in einen Mix aus Politik, Interviews und gesellschaftlichen Themen. Vor allem die kritischen Beiträge von Fliederfunk-Gründer Ralph Hoffmann sind mir noch in Erinnerung, und natürlich die Interviews von unserem damaligen Hauptmoderator Hardy Waibel, der im Großraum Nürnberg später als die Drag Queen Ellen Lang Furore machte. Viele Interviewgäste, die wir in der Sendung hatten, fallen mir ein, zum Beispiel Charlotte von Mahlsdorf oder Hella von Sinnen.

Leider sind sowohl Ralph Hoffmann als auch Ellen Lang in den letzten anderthalb Jahren sehr überraschend verstorben.

Es muss vielleicht noch erwähnt werden, dass in den 80ern und den frühen 90ern die Schwulen- und Lesbenszenen ja noch separat waren, und das auch bei Radio Z. Die Lesben sendeten Montags im Rahmen der Frauensendung Dauerwelle, und die Schwulen am Donnerstag im Fliederfunk. Diese beiden gesellschaftlichen Gruppierungen fanden ja erst später zusammen zu einer Bewegung, allerdings nicht bei Z.

Krise und Skandal – die heiße Phase des Fliederfunks

Damals zeigte sich aber auch, dass ein schwules Radiomagazin gesellschaftspolitische Brisanz entwickeln konnte. Besonders in den Jahren 1993 und 1994 kam es für die Fliederfunk-Redaktion und den Sender Radio Z zu einer kritischen Entwicklung, die sogar die Existenz des Senders bedrohte. Eine Fortsetzungsserie des Fliederfunks zum Thema sadomasochistische Sexpraktiken, die sogenannte Leder-Serie, sorgte bei konservativen Kreisen für Aufsehen.

Wie der folgende Screenshot zeigt, ließ auch das Echo in den Medien nicht auf sich warten. So durften wir uns vom FOCUS gar als „Rektal-Funker“ bezeichnen lassen.

Screenshot der FOCUS-Ausgabe Nr. 52 vom 13. November 1994 (Online-Archiv)


In dieser Krise zeigte sich aber auch, wie groß die Solidarität der Zuhörer war. Mit einer Spendenaktion und viel öffentlicher Unterstützung konnte das größte Unheil abgewendet werden, und Radio Z behielt seine Lizenz zum Senden. Auch der Fliederfunk musste nicht eingestellt werden. Ebenso wurde das Verfahren wegen etwaiger Verstöße bezüglich des Jugendschutzes eingestellt.

2020 – eine veränderte Ausgangssituation

Das Radio als Medium ist möglicherweise mehr vom Aussterben bedroht als der Print-Sektor. Besonders die UKW-Frequenz gerät durch die neuen Übertragungsstandards wie DAB+ oder gar 5G in Bedrängnis. Gerade bei den Freien Radiosendern wird dieses Problem derzeit eingehend diskutiert (siehe hierzu auch den entsprechenden Beitrag von Radio Dreyeckland). Es zeigt sich also, dass die Thematik noch vielschichtiger ist – nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungen sind von Interesse, sondern auch medientechnologische Aspekte kommen ins Spiel. Natürlich muss ebenso die Nutzung neuerer Medienformen berücksichtigt werden. Zumindest das Radio mag früher ein relevanteres Medium gewesen sein als heutzutage.

Schon seit langem scheint das Internet die angesagte Konsumform im Bereich der schwullesbischen Medien zu sein. Auch die ganzen Radioprogramme, die terrestrisch nur regional empfangbar sind, werden weltweit per Live-Stream angeboten. Sprich, ich kann bei Lust und Laune am Donnerstag Abend erst um 19.30 Uhr die Schwule Welle aus Freiburg und danach um 21.00 Uhr die Radio Gays mit der glorreichen Uschi Unsinn aus Nürnberg anhören. Heutzutage liegen Podcasts hoch im Trend wie der Queerkram von Nollendorfblogger Johannes Kram oder die Realitäter*innen. Podcasts stellen letztendlich eine moderne Form von Radio dar – im home-made style. Für die Zuhörer*innen ist der Zugang nicht ganz so niedrigschwellig wie beim Küchenradio, das du einfach nur einschalten musst, aber für die Podcast-Produzenten sind die Produktionsbedingungen einladend unkompliziert, verglichen mit den Hürden, die bei konventionellen Radiosendern zu überwinden sind.

Die andere Frage ist, ob schwules Radio heutzutage noch so bedeutend ist wie früher… Bei aller Toleranz – an der ich manchmal so ein bisschen zweifle, wenn ich so mitbekomme, wie das Wort schwul heute als Schimpfwort grassiert – halte ich es weiterhin für wichtig, dass die Schwulenszene ihre eigenen Medien hat, um ihre Standpunkte zu vertreten und auf Probleme hinzuweisen, die man von außen vielleicht nicht sieht. Die große Herausforderung ist also: Wo, wann und wie bleibt schwules Radio relevant? Eine simple und schnelle Antwort wäre für uns Radiomacher: Stay on the scene!

Und natürlich hat sich auch im subkulturellen Zusammenhang einiges geändert. Waren früher die Szenen separat, so hat sich seit langem eine Gemeinschaft der verschiedensten Szenen und Minoritäten entwickelt – eben die gesamte LGBTQI Community.

Bei Rainbow City Radio zeigt sich diese gesellschaftliche Vielfalt auch im Hinblick auf die veränderte Zielgruppenkonstellation. Da ist natürlich eine Vielseitigkeit unserer Inhalte gefragt, um die Interessenslagen aller Zuhörer*innen zu berücksichtigen.

Die Glamour-Torte unserer Zuhörerschaft als Info-Grafik mit Augenzwinkern
(tatsächliche Zahlen liegen uns nicht vor)

Ein Schwerpunkt bei allem bleibt sicherlich das Problem der Heteronormativität. Eine von der Norm abweichende sexuelle Identität muss weiterhin erst vergegenwärtigt und innerlich akzeptiert werden. Und um sie offen auszuleben, muss oft ein langer Weg zurückgelegt werden. 1992 führte ich für den Fliederfunk ein Interview mit einem Jugendlichen, der von seinen Schwierigkeiten beim Coming Out in der Schule sprach. Es ist ein Beitrag, den ich genauso gut auch heute noch senden könnte.

In diesem Sinne grüßt Radio Rainbow City aus Berlin den Fliederfunk von damals und die Radiogays von heute – wie auch all die anderen LGBTQI-Programme in Deutschland. The best is yet to come!

Daniel Aldridge

Ein Gedanke zu “Schwules Radio – Now and Then

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